Mad in Bordesholm

Ich fahre diese Strecke regelmäßig und wenn man eine Regel aufstellen kann, dann die, dass es rund um Neumünster immer Ärger gibt. Entweder fängt hier der Stau in Richtung Norden an, weil irgendwelche Ruhrpottler in Scharen ihre Kinder und Trekking-Räder nach Dänemark kutschieren oder irgendein Investitionspaket verfrühstückt wird: “Wir bauen für Sie bis Sommer 2014”.

Ich bin eine besonnene Autofahrerin, das Autobahndreieck Bordesholm ist für mich der Alptraum und wenn ich könnte und eine Waffe hätte, dann wären am Straßenrand schon etliche weiße Kreuze, die ich initiiert hätte: LKW-Fahrer, Audi TT Hobbymachos und eben die Radtransporter aus Nordrhein-Westfalen, das wären meine Opfer gewesen. Ich zwinge mich dann immer zur Ruhe, schaue auf die alten und schönen Bäume am Straßenrand, und versuche mich über das Grün zu freuen, dass es ja in Schleswig-Holstein sehr viel gibt. Meistens hilft das, und wenn Neumünster und Bordesholm passiert sind, dann beruhige ich mich meist.

Heute auch. Und regelmäßig, wenn ich die drei Windräder sehe, die so schön synchron sich drehen, freue ich mich fast. Irgendwie ist mir entgangen, dass ich sie heute nicht gesehen habe. Dabei war gar kein Nebel oder einer der häufigen Starkregen-Schauer, die dann über die Kieler Bucht ziehen. Es ist warm und hell. Fast blauer Himmel und wenn ich darüber nachdenke, wird es auch immer wärmer in meinem Wagen. Continue reading “Mad in Bordesholm”

Eben im Hinterhof

Jeder, der im Westen Hamburgs sich für ein Fahrrad interessiert, kommt früher oder später in diesen verwunschenen Hinterhof, wo auch das Hamburger Geburtshaus ist, und eben der beste Fahrradladen.

Eine Familie, Mann, Frau und Sohn, ca. 6 Jahre gehen entspannt vom Laden zur Strasse. Der Junge tanzt um seinen Vater herum und singt immerzu “Papi, Du Dickwurst”. Seine Frau spricht nur mit ihrem Blick. “Siehste, nun sagt das schon Dein Sohn”, sagt sie mit den Augen. Nein, eigentlich ist es ein Rufen.

Ich wechsele meine Richtung und gehe auf den Mann zu. Ich würde ihn jetzt gerne umarmen.

Blickwechsel

Irgendeine Ina hatte ihm einmal erzählt, dass sie froh sei, wieder in Hamburg zu sein, weil ihr nun die Männer wieder auf den Ausschnitt starrten, statt auf die Schuhe.

Nun stand Peter an der Ampel und wartete auf das Grün, als er sich vornahm, Frauen, die an ihm vorübergehen, zuerst auf die Schuhe und dann in die Augen zu sehen. Nur um zu beobachten, was das mit ihm anstellte, dieser Blickwechsel

Call on me

Manchmal hatte Peter Jenisch das Gefühl, als würden Songtexte aus dem Radio zu ihm sprechen. Dann erschrak er. Denn der Anblick dieser Frau am Straßenrand passte so genau, und nur genau für ihn …

“Call on me, I am the same boy i used to be”

Ausgerechnet dieser Song, einer seiner Lieblings-peinlichen-Mainstream-Hits aus den so fernen 90er Jahren.

Seitdem war viel passiert. So viel. Und nun kam ihm dieser Song und dieser Mensch wieder in die Quere.

Na ja. Eigentlich konnte man das so nicht sagen, in die Quere, denn Peter wusste ja nicht einmal genau wohin er wollte. Bisher hatte er sich vorgestellt, dass es so wie es war, ziemlich gut war. Bis er das Auto auf der Brücke blinken sah. Das veränderte alles, so kurz dieser Augenblick auch war, in dem er Janes Gesicht gesehen hatte.

Sie war es, ganz sicher. Sie war älter geworden, und noch ein wenig schlanker, als er sie in Erinnerung hatte. Aber sie war es, ganz sicher. Er hatte gewendet, schnell noch einen Nachrichtensender eingestellt, und fuhr das kurze Stück zurück, seinem Schicksal entgegen.

***

Deja Vu

S01E07: Folge sieben des Blogerature-Experimentes mit Metalust

Das Hellgrau des Himmels über Berlin schien sich nahtlos bis zum Boden zu erstrecken. Fast weiße Schwaden zogen über die Spree, als sie über die kleine Brücke am Wikingerufer spazierte.

Es war schon Dunkel und doch konnte man gut sehen, wie hier im Westen der Zahn der Zeit seit der Wiedervereinigung ungehindert an den Fassaden der Häuser nagte. Der Westteil Berlins sah inzwischen an einigen Stellen schlimmer aus, als der Osten der ehemaligen Hauptstadt der DDR gleich nach der Wende. Schon komisch, fand sie. Continue reading “Deja Vu”

Der Brief (S01E02) #Video #vorgelesen

“Was soll denn die Scheiße?” rief Piet, griff zitternd nach den Zigaretten in der Innentasche seiner zerschlissenen Lederjacke, zündete eine an und setzte sich neben die Leiche, den Brief noch immer in der Hand.

… Die Episode zwei des Blogerati-Experimentes eines Episodenromans mit Metalust habe ich nu auch vorgelesen und außer zum Nachlesen (Index der bisher erschienenen Episoden) Continue reading “Der Brief (S01E02) #Video #vorgelesen”

Im Nebel wohnen

Foto: Hamburger Park im Nebel
Foto: Hamburger Park im Nebel (cc: by-nc)

Ich markiere. Mein Revier,
wie eure Setter. Interessiert euch nicht.
Die klamme Kälte der Nacht steckt mir in den Knochen,
und wenn ich mich recke, tut es weh.

Der Nebel hängt an den blätterlosen Ästen,
mit ihren kalten Fingern halten sie ihn fest.
Damit ich ihn atmen muss.

Mein Urin dampft.
Dagegen an.
Hab doch noch Wärme abzugeben.
Immerhin.

Manchmal kommt die Polizei,
Meint es ist ihr Revier.
Dann verstecke ich mich.

In den Rhododendron, die ein reicher Toter einst hat pflanzen lassen.
Sein Park ist nun mein Lebensraum.
Nass und klamm in diesen Tagen.

Der Abschied

s01e03

Er soll einen Abschiedsbrief hinterlassen, das hatte sie sich spontan überlegt. Ein Selbstmord eines Verzweifelten, wie es so viele in dieser Stadt gibt. Einer mit Drogenproblemen, von Psychosen wegen jahrelangem Marihuana-Genuss hatte man ja schon oft gelesen:

„Als ich wieder aufwachte, war es noch hell. Der Temperatur, der tief stehenden Sonne musste es Winter sein; sie schickte sich an, unterzugehen. Und da war auf einmal wieder alles da. ALLES!

Es schoss in mich wie ein Blitzstrahl, die Bilder, sie waren kaum zu ertragen. Ja, klar, Bebelallee! Kein Wunder, dass es das war, was mich ansprach. Kein Wunder, dass ich da hin fuhr …

Die Pistole habe ich noch bei mir. Ich halte es einfach nicht aus. Verzeih mir, wem auch immer diese Laube gehört – ich halte das nicht aus. Es tut mir leid. Vergib mir.

Dein John Zwo.“

Den Brief hatte sie fertig geschrieben, da atmete der Mann noch. Paralysiert von ihrem Taser, mit dem sie ihn kampfunfähig gemacht hatte. Es war fast ganz dunkel in der Gartenlaube, in die sie den Mann verfolgt hatte, der für alles verantwortlich war. Das Handysignal hatte sie zu ihm geführt, nachdem sie schon an dessen Genauigkeit gezweifelt hatte, so wirr war er durch Hamburg gefahren. Nun wusste sie warum. Er hatte sie nicht erkannt, sich selbst nicht mehr erkannt.

Zuerst, als er wieder zu sich gekommen war, sie ansah, mit seinen hübschen blauen Augen, hatte sie an einen Effekt der Stromwaffe gedacht. Er stammelte, und behauptete mit schwacher Stimme, sich an nichts mehr erinnern zu können. Wer sie denn sei, hatte er dann gefragt – und an seinem Blick hatte sie erkannt, dass er sich tatsächlich nicht erinnerte.

Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann fiel ihr das Ganze nicht leicht. Immerhin war es nun schon eine Weile her, dass sie den Entschluss gefasst hatte. Und hinterfragt hatte sie sich nie. Es lief aber auch alles wie am Schnürchen. Solange gab der präzise Ablauf der Dinge ihrer Entscheidung diese wichtige Stütze. Doch als er das Foto von der grünen Tür via Twitter und Facebook gepostet hatte und nicht hinein ging, da kam alles durcheinander.

Warum war er umgekehrt? Das hätte alles nicht so ablaufen sollen. “Warum, warum?”, das hatte sie ihn erregt gefragt, aber er hat sie nur debil angesehen. Und gezuckt.

Das hatte alles durcheinander gebracht, auch die Gewissheit, dass alles gut und richtig war.
Sie löschte die Taschenlampe und jagte noch eine Ladung Wechselstrom in den Körper vor ihr. Das würde keiner überleben, er schon. Strom, der für andere Menschen lethal war, brachte ihn nicht um. Sie legte die Pistole in seine linke Hand und führte sie an seine Schläfe. Er hatte die Augen doof verdreht. Und doch fiel es ihr schwerer, als gedacht, abzudrücken.

BUMM! – vorbei.

Inzwischen war es früh am Morgen. Der Verkehr auf der Bebelallee nahm zu und das Brummen ermahnte sie daran, dass sie sich aufmachen musste. Ob sie in Hamburg bleiben würde, wusste sie noch nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Zuallererst musste sie Juri anrufen, um ihm von John Zwo zu erzählen. Und von seinem Ende.

Index:
001: John Zwo
002: Der Brief
003: Der Abschied

Du, Aussen

Am liebsten hätte ich, dass Du Dich nicht duschst/
kurz bevor wir uns sehen/
aber das würdest Du falsch verstehen.

So nehme ich Dich/
mitsamt all diesen künstlichen Geschmäckern/
die sie alle mögen und deswegen tragen/
gesprüht oder anders aufgebracht/

versuche Dein Wesen zu ersinnen – irgendwie/
durch all das Marketing hindurch.

Nach Hause kondensieren

Wenn Du in den Himmel schaust, mein Engel, dann wirst Du meine Spuren erblicken. Vorher hast Du sie nicht gesehen, nicht sehen können, nicht wahr?

Es sind meine Gedanken, sanft streicheln sie das kalte Blau darüber, das verheißungsvolle. Das ohne mein Hinundher nur unergründlich ist, nun ist es endlich. Hintergund.

Gefrorener Streifen am Arm, trotzdem mache ich mich auf den Weg. Vorbei an Dir und mit Blick auf den großen schlafenden Drachen. Sitze dann am Meer und trinke fremdes Bier. Und Du bist schuld, dass ich mich heimgekommen fühle!

• dieser Text ist nach der Methode ecriture automatique gebloggt. Und er macht nur für genau eine Person Sinn.

Written unterwegs, with WordPress for Iphones

übergesetzliche Prosa: “Gewissensfragen”

Unter seinen Füßen spürt er die angenehme Wärme von der Sonne aufgeheizter Felsen. Der Himmel beginnt sich zu färben, am Strand sind kaum noch Menschen. Wie immer, wenn er nah am Abgrund steht, fragt er sich, wieso in diesem Land, in dem es keine Sicherungspflicht wie in Deutschland gibt, dennoch nie einer abstürzt. Ein Gedanke, der ihn jedesmal schwermütig ob der Regelungsdichte der gründlichen Deutschen werden lässt.

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… via

Dichter

IMG_1597Um nicht noch dicker zu werden, muss ich Dichter werden.
So oder so ähnlich hatte das meine Frau ausgedrückt.

Eigenwillig.

Ich beschloss, schnell noch dichter zu werden und knackte das Siegel der letzten Flasche Wein.
Einen Keller hatten unsere Weinflaschen nie gesehen.
Der Haribo-Effekt eben.