Empörend

Millerntor unter Flutlicht
Millerntor unter Flutlicht

Montag Abend im Oktober. Die Sonne ist schon seit einer Stunde untergegangen, Feuchtigkeit fällt von oben auf den Rasen und bricht das Flutlicht am Millerntor, als ich mich in Richtung Nordkurve aufmache. Ich habe immer Probleme mit der inneren Motivation an Montagen. Da helfen auch zwei Wachmachbiere nur bedingt. Wie machen das unsere Boys in Brown nur, denn das ist schon wuchtig, was die in den ersten 20 Minuten spielen. Wuseln sich mit exaktem Passspiel durch die müde Fortuna-Abwehr, dass es eine Freude ist. Allen gefällts, nur Herrn Perl scheint der Spielfluß zu stören, dass er gleich drei Aktionen von Flo Bruns abpfeift. Das hat mehr Wirkung auf das Spiel, als die umstrittenen Szenen in der zweiten Hälfte. Empörend, dass so fiese Fußballerdarsteller, wie Fortunas Rösler (#30), der Jarolim für Arme vom Rhein, nicht in ihre Schranken gewiesen werden und ich verstehe das voll und ganz, dass unsere Jungs sich da verschaukelt und verpfiffen vorkommen.

Das Empören über die Schauspielertruppe Fortuna Düsseldorf macht durstig – und wie das so ist, war man am Anfang einmal im Container, dann muss man immer wieder. Herausspülen, diese Ungerechtigkeit und still dann mit Blick auf das dampfende Millerntor genießen und hoffen, dass das Nichtaufgeben wieder einmal hilft. Es hilft nicht – und so kommt das Millerntor zu Ruhe. Ausempört und völlig augepowert vom Kampf gegen Unsportlichkeit und das, was Schwafler Cleverness nennen. Da fiel vielen nicht mal ein, unsere Jungs mit einem YNWA aufzubauen. Der Süden, die Singing Area und uns Fünf auf der Nord mal ausgenommen.

Niedergeschlagen und ein wenig dun melancholisch dann an der Domschänke abzutauen lädt dann aber wieder auf. Hoffentlich steigen die doofen Fortunen in die erste Liga auf, verdient haben sie sich diese Strafe auf jeden Fall gestern.

Der Morgen danach und immer noch Spitze

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Schalldruck von überall her. Das künstliche Licht des Millerntor über das immer erstaunlich viele Schwaden an Zigarrettenrauch wabern explodiert geradezu. Quer und im Kreis brandet ein Jubel, den man nur orgiastisch nennen kann. Er hat keine Struktur mehr, keine Richtung. Der Druck löst sich auf, diese heisere Konzentration, die die letzte Halbestunde unsere Boys in Brown immer wieder gegen den Kanarienvogel Fromlowitz hat anrennen lassen. Fünf Ecken und doch kein Tor. Erinnerungsschlacke fühle ich ganz dumpf unten, so haben wir noch so manches Spiel verloren letztes Jahr. Dieses aber nicht. Continue reading “Der Morgen danach und immer noch Spitze”

Jolly Rouge – wie rot wird das Millerntor am Samstag? #FCSP

Ich habe mich in Dortmund sehr gefreut, dass die große, eindrucksvolle und wunderhübsche rote Jolly-Rouge-Flagge mit im Block war. Und ich frage mich, nachdem das auswärts sich auch so eindrucksvoll hält, dieses Protest-Rot, wie das gegen Hannover 96 aussehen wird. Immerhin können auch wir Fans unsere Spannung ruhig mal wieder aufladen nach dem Derby und der Auswärtsfahrt zum deutschen Meister in spe, wie Stani das mit seiner leicht überzogenen “Drecks-Kick”-Ansprache gemacht hat.

Was liegt an? Habt ihr eure Pappen noch?
Allez St. Pauli, Allez Jolly Rouge!

Foto: Ausschnitt aus @rim_lights schönem Foto, die Flagge ganz rechts, das ist meine ;)

SPD – Hamburg-Wahlkampf am Millerntor – und bei Twitter

Andy Grote mit Olaf Scholz im Millerntor

Ich mag das nicht, wenn Parteien und ihre Politiker am Millerntor herumtreiben. Eben weil wir ein politisch aktiver Vulkan sind, verdächtige ich sie auch immer, sich in dem Image des FCSP sonnen zu wollen, auf dass ihre kümmerliche Wahrheit ein wenig Glanz abbekomme. Das ist natürlich nicht nett, aber ok, weswegen ich das Hausverbot von Frau Fegebank im Jolly Roger auch gutheiße. Und nun macht ein SPD-Politiker, nur der Form nach Rot in meiner Wahrnehmung, sein Wahlkampf-Come2gether ausgerechnet in meinem “Wohnzimmer”, lässt sich durch die verblassende Ministerwürde von Olaf Scholz ebenso aufpimpen, wie durch die “Location”, so ist mein wütender und spottender Tweet zu verstehen. … Continue reading “SPD – Hamburg-Wahlkampf am Millerntor – und bei Twitter”

Die falsche Ultra-Debatte St. Pauli

USP Ultra Sankt Pauli
USP Ultra Sankt Pauli

Gotthilf Fischer wäre begeistert von so einem famosen Chor. Denn die Sänger sind ungeheuer ausdauernd und singen weiter, ganz egal, was passiert. Das Ergebnis ist ein monotoner Singsang, der die Atmosphäre von Fahrstuhlmusik verbreitet.

Irgendjemand im Stadtteil hat dieses Tag der USP durchgestrichen. Vielleicht jemand aus Stellingen, vielleicht aber auch jemand wie Sven Kummereincke, ein St. Pauli Fan und trotzdem Gegner der Ultras. Einer, der sich durch das “dauernde Singen” genervt und durch den durchaus berechtigten Hinweis auf die verhaltene Stimmung während der letzten Heimspiele am Millerntor provoziert fühlt. Continue reading “Die falsche Ultra-Debatte St. Pauli”

Schluss mit dem Playmate-Fußball

Klamme Kälte kriecht unter die Laibchen, es wird zweimal täglich trainiert in dieser Woche. Schön sein war gestern, das gilt auch für das Spiel des FC St. Pauli. In hübsche Menschen ist man eben auch nur verknallt, einen euphorischen Sommer lang. Im werktäglichen St. Pauli, im schmuddeligen November, stehen heute gerade mal zwei Menschen vor mir an, um Karten für das Spiel gegen Kaiserslautern zu ergattern. Playmates und Posterboys in Brown hängt man sich eben lieber in den Spind oder an die Wand, und nicht ins Herz. Bei Nieselregen kann sich nur verlieben, wer auch das eklige an St. Pauli mag. “Den Ball abfressen” möchte Matthias Lehmann in einer herrlich übermotivierten Variante des Grasfresser-Schwurs, der absolute Hingabe verspricht. Weh soll es tun, auch den Gegnern. Continue reading “Schluss mit dem Playmate-Fußball”

Südkurve war schön, Zeit für uns zu gehen

Wenn ich an meine vergangene Saison auf den Traversen des Millerntors denke, im Südosten, da wo gesungen und gewirkt wird zwischen USP und Gegengeraden, dann kommt schon ein wenig Wehmut auf, denn die Einzigartigkeit dieser Aufstiegssaison wird wohl auch persönlich einmalig bleiben, nachdem wir uns seinerzeit umsonst für Saisonkarten Süd angestellt haben.

Es bleiben Erinnerungen an ein Jahr, das als das intensivste meiner Leidenschaft eingehen wird. Magische Siege gegen Ostseebewohner, immer wieder Naki – immer wieder das Pflanzen von Fahnen in Rasen, der uns was bedeutet. Erst gestern wieder. Bierhütchen, Bierdusche und Barden im Ballsaal. Bewußtmachende Blockaden, Bier-ernstes bashen der Bullerei, biestige Bagger und GeBäck aus Übersee.

Farewell Südkurve YNWA :) – ich komme wieder, und wenn es als Sponsor sein muss. Continue reading “Südkurve war schön, Zeit für uns zu gehen”

Freiluftturnier am Millerntor

„11. Freiluftturnier“ der offiziell eingetragenen Fanclubs und Fangemeinden:

So, die Würfel sind gefallen. Die beinharten Kicker aus meinem Fanclub “Kommando Boys in Brown” sind in die Gruppe A gelost worden.
Bitte warm anziehen und Schienbeinschoner nicht vergessen. Sonst gibts unschöne Eisen-Dieter-Gedenk-Ergüsse;

Gruppe A
Kommando Boys in brown
No tengo idea
G.A.S.
Braun-weiße Tulpen

“Am Montag, 24. Mai 2010 findet das 11. Freiluftturnier der offiziell eingetragenen Fanclubs statt. Wie bereits vor zwei Jahren, wird es diesmal wieder nur ein eintägiges Turnier geben und das Teilnehmerfeld ist auf 40 Teams reduziert. Es kann vor Ort diesmal nicht gezeltet werden!
via Fanclubsprecherrat

Das Zehntel und Hamburger Marathon mal wieder mit Sonnenschein

Wie jedes Jahr, wenn in Hamburg Marathon-Zeit ist, entscheidet sich die Sonne, nun endgültig den Frühling einzuläuten. Bei strahlendem Sonnenschein, immerhin nun mit 25-jähriger Tradition, rauschten die tausenden Marathoni an unserer Wohnung vorbei, hier sind sie immer noch ganz frisch, wenn sie den Ottenser Marktplatz passieren, da schwebt eine Energie in der Luft, die das Herz zum prickeln bringt – und meine Nachbarn übermütig. Dieses Jahr stand einer mit einem flauschigen Schweinchen-Kostüm auf dem Balkon. Den Läufern hats gefallen.

Etwas über 10% haben da die Läufer hinter sich – in etwa, so viel, wie die Kinder beim Zehntel Marathon, der einen Tag zuvor am Millerntor stattfand, zu laufen haben, um sich als Kinder-Marathoni in die Schullisten einzutragen. Die Truppe um meine Tochter hat dieses Jahr einen guten dritten Platz erlaufen (Rotheschule), sie ihre Bestzeit aus dem Vorjahr um zwei Minuten verbessert. Kaum zu ertragen war lediglich der Moderator von 90,3, der uns wie jedes Jahr mit doofen Zoten quälte. Continue reading “Das Zehntel und Hamburger Marathon mal wieder mit Sonnenschein”

Montagsrausch am Millerntor

Es war ein wenig, wie nach dem Spiel in Rom 1990, als der Kaiser da durch das tobende Stadion schritt, in die vom Rauch verhängten Flutlichter blickte. Nun, letzten Montag war ich kein Teamchef, aber doch auch ein wenig beteiligt, am stimmungsvollsten Abend am Millerntor, seit langem.

WEEEE LOVE SANKT PAULI, FABOULOUS SANKT PAULI, hallte da in mir nach, das knapp 90 Minuten zuvor von der Gegengerade über die Süd rund ums Stadion brüllte- und wenn man genau hinschaut, da war ich nicht allein, kurz vor dem Abschalten der magischen Beleuchtung, silbern schimmernd im Hamburger Frühlingsdunst. Da steht noch einer im Mittelkreis, Kaiser-gleich und versunken.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits meine feuchtfröhliche Runde durch und hinter die Kurven hinter mir.

Nach dem Spiel wollten wir das Millerntor ja gar nicht mehr verlassen, ich auch nicht. Diesen Ort der magischen Versöhnung zwischen Fans, Fans und fantastisch aufspielenden Boys in Brown. Persönlich versöhnt habe ich mich dann noch mit Andi und Thomas, der übrigens übermorgen in Berlin sein 300. Auswärtsspiel feiert. Danach Kontrast – zum AFM-Container, feiern, Astra trinken, WE BEAT THE FUCKING AUGSBURG … Ne Raute getroffen, eine nette, und eine mit VIP-Band. Band abgemacht, irgendwie unter die Jacke geklemmt und mich in die Süd geschmuggelt, weiter Astra getrunken. Wieder Kontrast, und langsam wurde sie heiser die Stimme. Fabian Boll getroffen und sich ein Grinsen abgeholt, so mit ein paar Astra intus werde ich ja immer peinlicherweise zum Boll-Groupie. “Das ist wieder mein Sankt Pauli”, sagt der und wird nach diesem Statement zum Abend zur inzwischen fortgeschrittenen Stunde von seiner kleinen blonden Frau nach Hause beordert.

Helmut Schulte ist noch immer da, versteht meine Bitte aber nicht, die Blockade und ihre Aufarbeitung unter uns Fans zu regeln und nicht mit dem Strafrecht. Das Mißverstehen liegt nicht an meiner Aussprache, die ist immer noch tadellos. “Strafe muss sein”, sagt er uneinsichtig verkürzt. Er und Corny erscheinen mir in seinen Augen ohne Zweifel als der Verein sich verstehend und in ihrer Funktion im Zweifel und bei aller Beteuerung eine privat-rechtliche Veranstaltung. Corny flieht, hat keinen Bock auf mein Zetern für eine Süd, die das irgendwie alleine regelt – was sich nach meinen eigenen Gefühlen von vor 2 Wochen ja auch für mich selbst irgendwie eigenwillig anhört – aber es ist mächtig, dieses Verzeihen, Verbrüdern und Feiern – da kann ich keine Formalien gebrauchen. Inzwischen sind die verkündet die formalen Konsequenzen aus der Südkurven Blockade durch USP und anderen, Sonderrechte, welche für wen weiss keiner so genau, sind erstmal eingezogen, entzogen, von Papi Littmann. Wie Fernsehverbot, nur andersherum.

Werde das alles nun wieder sehr vermissen nächste Saison, so ohne Saisonkarte, aber ich will das dieses Frühjahr noch sehr leben diese Liebe, so rauschhaft wie einst und wie am Montag. Vielleicht geht das ja nur durch den gleichzeitigen Abschied – das Verlieren meiner Südkurve als lautes Wohnzimmer, genauso, wie diese Magie an diesem Abend aus Scherben nur wieder-entstehen konnte. Sonnabend feiern wir in Berlin mit den Unioner. Uns, das Leben als Liebende und hoffentlich einen Auswärtssieg, zu Thomas 300. Auswärtsspiel und nichts weniger!

Schönes neues Sankt Pauli

Mit was haben wir es hier eigentlich zu tun? Mit einem Generationenkonflikt? Mit einer Machtprobe, die Fans mit Fans ausfechten, weil ihnen der Präsident zu ungriffig ist, oder einfach über? Was ist denn in den verrückten Wochen los, in denen ich fünf Stunden umsonst angrille, Hooligans des HSV zustimmen muss, wenn sie von der Polizei in Sachen Fußball Verhältnismäßigkeit einfordern, mich für Fanrechte ereifere, dann plötzlich vor Gleichgesinnten stehe, die mir Prügel androhen, meine damit negieren – worum geht es da? Continue reading “Schönes neues Sankt Pauli”

Freiheit tut weh, auch auf Sankt Paulé

HA: Sie gehen auch mit der Polizei sehr kritisch ins Gericht. Kann man verlangen, von der Polizei pfleglich behandelt zu werden, wenn man sich selbst nicht an Gesetze hält?

Hoh: Für die Polizei war es natürlich nicht einfach, und sicherlich hatten viele junge Beamte auch einfach Angst und haben deshalb noch härter durchgegriffen. Es gab aber auch Polizisten, die nur darauf gewartet haben, dass etwas passiert, damit sie richtig austeilen können. Fakt ist, dass häufig die schwersten Verletzungen durch in Kopfhöhe geschlagene Polizeiknüppel verursacht wurden. In weiten Teilen der Öffentlichkeit besteht auch heute noch die Meinung, dass man bei Fußballkrawallen einfach nur ordentlich dazwischenhauen muss und die Leute eine anständige Tracht Prügel verdienen. Ich bin jedoch der Meinung, dass die Polizei jederzeit die Grundrechte zu wahren hat. Wenn jemand mit Tempo 70 an einer Grundschule vorbeifährt und von der Polizei angehalten wird, wird der ja auch nicht erstmal nach Strich und Faden vermöbelt, weil er das Leben von Kindern gefährdet hat. Damals wie heute trägt das Auftreten der Polizei sehr stark dazu bei, wie sehr angespannte Situationen eskalieren können. Und das ist nicht nur auf Fußball beschränkt, da hat die Polizei nach wie vor großen Nachholbedarf.

Im aktuellen Abendblatt lese ich eine bemerkenswert ausgewogene Serie zum Thema Fußball-Kultur und Gewalt in Stadien (und anderswo). Schon komisch, wie sich das anfühlt, wenn man mit einem Ex-HSV-Hool einer Meinung ist. Eine Entwicklung wie die aktuelle, der sich alle Fußball-Fans derzeit gegenüber sehen, die massive Einschränkung von Freiheitsrechten, zugunsten einer ominösen Sicherheit installiert, schafft merkwürdige Allianzen.

Dabei liegt der Schlüssel in der Wahrhaftigkeit: Freiheit ist ein Risiko, die mobile Freiheit im Auto genauso, wie die im Fußball-Stadion. Zur aktuellen Gewalt-Debatte, die nach Hertha BSC-Berlin auch – quasi auf Vorrat – auch das Hamburger Millerntor vor dem Spiel gegen Hansa Rostock erreicht hat, lese ich zustimmend den Übersteiger, und fundamental-ablehnend (auch ein wenig geschockt) bei Santa-Pauli mit.

Fundamental, weil wir Zeugen einer Entwicklung werden, die Maßnahmen zementiert, die bspw. das Bundesverfassungsgericht gerade gerügt hat. Dagegen zu opponieren ist fast Bürgerpflicht – und hat mit Verharmlosung von Rostocker Gewalt nichts zu tun.

“Mitgefangen, mitgehangen” – Auswärtsfans als homogene Gruppe in vorbeugende Ausschlusshaft zu nehmen, oder ihre Daten zu erheben ist nichts anderes, als eine unerträgliche Generalverdächtigung, a la Vorratsdatenspeicherung. Immerhin latent verfassungsfeindlich.

“Fußball ist unpolitisch”natürlich ist Fußball politisch, ein gesellschaftliches Phänomen, an dem die Vereine verantwortlich teilnehmen mit ihren Veranstaltungen und -orten, unseren Fußballstadien. Selbstverständlich trägt bspw. Hansa Rostock ein gerüttelt Maß an Verantwortung für das, was in ihrem Namen geschieht. Genauso, wie die Stadt und das Land Mecklenburg-Vorpommern. Fußballvereine müssen allgemeine Regeln des Anstandes aktiv in der Fanschaft durchwirken – dazu gehört auch, sich gegen Nazis gerade zu machen und konsequent braune Mode im Umfeld zu unterbinden. Nötigenfalls müssen Vereine dazu verpflichtet werden.

“Polizisten, ihr habt das Gewaltmonopol nur geliehen”. Die Polizei ist nicht zu beneiden, keine Frage. Allerdings mahnt mich die Aussage oben sehr daran, dass Gewalt-Vergehen von Polizisten besonders schwer wiegen – was macht eigentlich die Aufklärung des Überfalls auf das Jolly Roger?

“Das Machtmonopol der Polizei gehört zu den sensibelsten Machtbefugnissen, die wir Bürger in die Hände der Exekutive gelegt haben. Missbrauchen Polizisten diese Macht, und werden, wie in der Nacht der Schanzenkrawalle beim Überfall auf das Jolly Roger zu vermuten ist, selbst zu “Spielern”, dann zerbricht etwas dieser Demokratie wesenhaftes.”

“Straftaten darf man auch im Stadion verfolgen” – das Singen von U-Bahn-Liedern, als Extremfall exemplarisch genannt, ist nichts anderes, als das spontane Gründen einer verfassunsfeindlichen Vereinigung, Hetze, gegen die Polizei und Vereine heute schon vorgehen können – es aber nicht tun. Es wird höchste Zeit, Fußball-Fankultur dem gesellschaftlichen Konsens der Verhältnismäßigkeit wieder anzupassen. Fanprotesten können sich Spieler übrigens gerne anschließen. Ein Paulianischer Spielboykott im Ostseestadion wäre allemal wirkungsvoller, wenn sich solche Szenen, wie in der Vergangenheit wiederholen sollten, als alle Rufe nach Darth Ahlhaus.

Bier-Hütchen

Würde mich nicht wundern, wenn diese Innovation aus der Südkurve (wobei wir am Millerntor ja schon lange keine Kurven im geometrischen Sinne vorfinden) demnächst im Sortiment des offiziellen FC St. Pauli Merchandise auftaucht. Das ist ja diese Saison schon auffällig, wie die Ästethik der USP in die Vereinsmode übernommen wurde.

Selbst gestrickte Fan-Utensilien sind ja schwer im Kommen diesen Winter. Immer noch besser selbermachen und am Sonnabend für die Choreo und die Fanräume spenden, als dem Vermarkter das liebe Geld in den Rachen werfen. Hat der FC St. Pauli am Ende mehr davon.

Ist ja schon etwas heimelich Bürgerliches, was in dieser Strickmode sich findet. Das Bier bewahren, vor dem chaotischen Konfetti, mit dem wir den Einzug unserer Helden immer wieder feiern. So gar nicht Hells Bells, sondern eher gediegene Hauskapelle. “Ding Dong, Feierabend” nennt sich dann auch die sympathische Strickliesen-Truppe – und sie singen bestimmt trotzdem.

FCSP: Leistung braucht Demut!

“Wer heute nicht singt, braucht am 27.2. gar nicht …”

Es ist der ewige Kampf der Extistenz gegen den Traum, der das 0:0 am Millerntor heute so gerecht erscheinen lässt. Wenn man, so wie ich, an die Magie an diesem Ort glaubt, dann muss man sich nicht wundern, wenn Leistungs-Aufrufe, wie die des USP vor dem Spiel (s.o.) Westerwellsche Effekte auslösen. Wenn man nur Leistung will, dann wird man auch nur Leistung bekommen, oder daran gemessen. Basta, dann bleibt für das Sein oder die Magie kein Platz, denkt da mal drüber nach, wenn ihr das nächste Mal “Aufstehen, Aufstehen” singt, wie nah das an Guido Westerwelle dran ist, und wieso das in die Hose geht.

Fröhliche Demut war dann auch bei den Gästen aus Frankfurt zu beobachten heute, unvorstellbar groß die Geste, nach der Aufforderung “Gästeblock” mit “Sankt Paulé” zu antworten. Das Unvermögen mit “Forza FSV” oder ähnlichem zu antworten hat dann auf dem Platz das Siegtor verhindert. Gut so.

Auch gut, dass Morena und Gunesch die beiden in Topform waren heute gegen den FSV Frankfurt. Und wie bezeichnend, dass Stani sich nicht traute, mit Boll die Brechstange rauszuholen, wo wir die Schönheit schon verspielt hatten mit unseren unlauteren Forderungen. So gerade richtig und gerecht war dieses Unentschieden, dass ich aus lauter Trotz mich anstelle am 27.2. – nur damit dem Übeschwang etwas Ruhe entgegen steht. Energische Ruhe :)

FC St. Pauli 2 – KSC 1: Heute war das Millerntor dieses eine Tor besser

So ein wenig hatte ich gehofft, dass der Schiedsrichter den Platz nicht freigeben würde, so ein wenig befürchtete ich eine Wiederholung des Aachener Setups am Millerntor, ein wenig egoistisch wollte ich die magische Erinnerung an den Abend in Duisburg noch ein wenig länger bewahren, als mir bei meinem mittäglichen Caffee im Ofeuer Christian Böning aus den Gedanken riss. “Der Platz ist freigegeben, aber so richtig spielen kann man auf dem weichen Modder nicht”, berichtete er sinngemäß.

Momo hatte wie üblich, geduldig gegen meine latente Unzufriedenheit mit Herrn Bruns argumentiert, auf die eine spielentscheidende Aktion verwiesen, für die er immer gut ist, an sehr feinen Tagen auch mehr. Daran musste ich dann auch denken, dass dieser famose Fußball-Abend da schon begonnen hatte seine magischen Fäden zu spinnen, als ich nach dem Spiel ein letztes Bier orderte und ein wenig dun am Nobistor in den Bus stieg.

Auf dem kurzen Fußweg vom Millerntor die Reeperbahn hinunter, verwoben sich die Bilder des Abends, zu einem Lächeln – der massive Einsatz von lieben Pyros (genau die richtige Medizin nach den Diskussionen der letzten Woche), das harmonische aber immer wieder versetzte Singen mit der Gegengerade, das heute so harmonisch sich fügte, dass fast der berühmte Roarr entstand, die Tore von unserem Liebling Rouwen, das Pinkelpausen-Gegentor, das meine Seele nicht belasten kann, weil ich es nicht sah und Minuten später eben wieder unser Quickborner Jung einnetzte vor der Süd.

Das versöhnliche “Aufwachen, Aufwachen” nach Spielende und das leicht angetüderte Plauschen mit Fabian Boll, über dessen starkes Wiedereinfügen ich mich besonders gefreut habe, klingen noch nach. Ich glaube ich habe im Schlaf immer noch gelächelt. Wunderbar.

FC St. Pauli – Schalke 04 – 2:0 – Testpiel-Sieg am Millerntor

“In der 2. Halbzeit war St. Pauli außer Rand und Band”
– sagt, Felix Magath und alle unsere jungen Jungs laufen und zaubern im Schneeregen.

Das war trotz des katastrophalen Tons und der altersweitsichtigen Optik der NDR-Kameras schön anzusehen, dieses Bundesliga-Muster ohne Wert am veschneiten Millerntor. Ja klar. Vorfreude ohne Aussagekraft, dass man gegen Schalke 04 so aufzupft, aber nach dieser tollen Hinserie und dem verpassten Testspiel letztes Jahr, nach vier Jahren schmerzhaften Ackerns gegen Leverkusen II (O-Ton Trulsen) in der Regionalliga tut das soo gut!

FC St. Pauli: Statt Barcelona ein Punkt für Fürth

Weit 20 Minuten vor dieser wunderschönen Szene, als der zurzeit beste Kalla auf Naki passt, wir alle erleichtert aus diesem Advent toben – uns in den Armen liegen und uns wundern, hatte das Millerntor diesen Sieg längst verwirkt.

Wer nach diesem Gestocher in der 1. Halbzeit, und einem erkämpften 2:0, sich Barcelona in die Heimat ruft, der eigenen Hybris folgend, der zerstoert Magie, die solche Spiele gewinnt.

Immerhin, haben wir alle eine neue Abseitsregel gelernt. An der Ostsee schneits, und Union punktet wenigstens.

FC St. Pauli – Union Berlin Vorspielinterview: Die Stadionfrage (1)

1.) Wir dachten, St. Pauli sei im goldenen Westen, aber die Stadionfrage begleitet Euch ja mindestens genauso lange wie uns. Welche Probleme gab es und mit welchen Einschränkungen müsst ihr während des Umbaus leben? Gab es bei euch ebenfalls Überlegungen, die Fans am Bau zu beteiligen?

fragte Sebastian in seiner ersten von fünf Fragen als Vorspiel zum Sonntags-Klassiker am Millerntor. Herzlichen Dank an René Martens für die schnelle Antwort, denn keiner kann diese never-ending Story besser erzählen, als Du:

»Einige Teilaspekte von Frage 1 kann ich kurz anreißen.
Da das Thema Stadion-um bzw. – neubau uns seit 1983 begleitet und es sich bei dem Modell, das sich jetzt in der Umsetzung befindet, um ungefähr das achte handelt (über die genaue Zahl lässt sich streiten, das hängt davon ab, ob man bestimmte Untervarianten als eigenständiges Modell betrachtet), lässt sich zu den Problemen nur so viel sagen: Es gab praktisch jedes Mal andere. Continue reading “FC St. Pauli – Union Berlin Vorspielinterview: Die Stadionfrage (1)”

Magischer Abriß (Farewell St. Pauli Haupttribnüne)

FC St. Pauli Logo Kachel

Schon lustig, wie sich Magie fortpflanzt. Meist durch Nicht-wollen nicht?
Ich hatte nicht vor, die Abrißparty für unsere Haupttribüne zu besuchen heute, mir dumme Reden von dummen Stadtteil-Fuzzis anzuhören. Und doch war ich dort, überredet und trotz der jüngsten schönen Erlebnisse immer noch nicht ganz zuhause auf der Süd, so weit oben auch, so weit weg vom magischen Rasen. Continue reading “Magischer Abriß (Farewell St. Pauli Haupttribnüne)”

“Ihr habt die Hose naß” – (FC St. Pauli – 1860 München)

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Als ich ein Junge war, bin ich mit meinem Bruder immer, kaum dass es gieße vom Hamburger Himmel, in den nahen Park gegangen und habe gebufft. Je nasser, desto besser konnte man auf dem Rasen rutschen. Später, als jugendlicher Abwehrspieler, kam mir dieses Training dann zupass, wenn ich mit drei oder mehr Metern Anschub losgrätschte und die armen Stürmer mich schon Knie-schlotternd ankommen sahen.

Nass war’s am sonntäglichen Millerntor. Und die ersten 20 Minuten trübe. Fast hätte man es Taktik nennen können, den Alexander Ludwig sich müde flanken zu lassen. Immer von einer Ecke in die andere, zwischendurch ein paar Freistöße. Immerhin, auf Alex konnten wir uns verlassen. 0:0.

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Trotzdem fehlte da irgendwie das Vertrauen, blockiert durch so viel wollen. Erst nach der überstandenen Drangphase der 1860er, nach einem Regenguss, der sich ehrlich Hamburger Wetter nennen durfte, brachte der FC das Glitschen und Schlieren in eine Form. Fein, wie Deniz Naki sich immer wieder freifräste.

Jubel-FCSP-Naki Continue reading ““Ihr habt die Hose naß” – (FC St. Pauli – 1860 München)”

Millerntor vs Ostseestadion – mein Stadionstreit mit der ZEIT

Millerntor

Das Wesen eines Fußballvereins manifestiert sich ja auch in seinem Stadion, da sind wir uns sicher einig, lieber Steffen Dobert, und ich will ihr Erlebnis da im Rostocker Nieselregen gar nicht madig machen. Aber das Wesen eines Vereins wird eben auch maßgeblich von dem bestimmt, was innen drin passiert. Und das macht Rostock einfach hässlich. Continue reading “Millerntor vs Ostseestadion – mein Stadionstreit mit der ZEIT”

Das hat Meiderich nicht verdient, diese Schauspielertruppe #MSV

Die Zebras sind ja mehr als nur ein Fußball-spielendes Ensemble. Sie sind Botschafter einer kleinen Stadt, einer Gegend, die lange Zeit mehr zu husten, als zu lachen hatte. Das ist es, was sie mit Sankt Pauli bspw. gemeinsam haben, ein Auftrag an die Spieler des MSV Duisburg und auch deren Fans.

Deswegen ist das Fußball-schauspielern ja auch kein Mittel der Wahl, denn am Ende schadet man nicht dem vermeintlichen Gegner, sondern seinem Souverän, dem Ansehen und der Seele des MSV Duisburg. Das haben Fußball-Söldner der Marke Ausschußware, wie Bodzek nicht begriffen und werden ausgepfiffen: Continue reading “Das hat Meiderich nicht verdient, diese Schauspielertruppe #MSV”

Walk on

#fcsp Millerntor Südtribüne St. Pauli vs MSV

Trotz sommerlicher Temperaturen hatten die meisten Paulianer und Duisburger ihre Schals mitgebracht ans Millerntor. Zehn Minuten vor dem Spiel vereinten sich dann alle Kurven, die Süd und die Gegengerade, die Nord und die Gästekurve, na ja und nahezu auch die Haupttribüne, zu einer einzigen Schalwand. Die Lautsprecher spielten “You’ll Never Walk Alone” von Gary & The Peacemakers und wir sangen. Wenn man das nicht in Aachen gehört, mindestens gespürt hat, dann weiß ich auch nicht mehr. Wünsche pur, ein kollektives Gebet für das Wesentliche. Continue reading “Walk on”