Wem gehört der Fußball?

warnunk

Manchmal sieht man Konflikte kommen, und ist doch überrascht, wenn sie plötzlich da sind. Vor allem, wenn sie durch Medien “beschleunigt” werden. Vor einiger Zeit habe ich geunkt, dass spätestens zur EM 2008 die Frage zu diskutieren sei, ob der Fan 2.0, der da aus dem Stadion twittert, flickrt, casted oder bloggt, sich strafbar macht oder ob er sein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung ausübt.

Nun diskutieren wir über mich, meine 1000Mikes-Handy-Übertragung, den FC St. Pauli, die DFL, den Begriff Rundfunk und die Meinungsfreiheit. Besonders wohl fühle ich mich nicht dabei.

Ausgelöst durch den SpOn-Artikel über das Bürgerradio 2.0 hat sich im St. Pauli Forum eine Diskussion entwickelt, deren Brisanz und Widerspruch Reggie ganz gut auf den Punkt bringt.

Komische Welt in der wir mittlerweile leben, wenn schon Telefonate aus dem Stadion heraus das Urheberrechte verstoßen. Dürfen wir in Zukunft denn noch bei Toren jubeln oder verstoßen wir dann auch gegen die Rechte die die DFL an premiere und Co. verkauft hat, weil die Leute vorm Stadion oder im Viertel dann ja schon wissen wie St.Pauli gespielt hat?

Im Kern geht es um die Frage, ob die Demokratisierung der Publikationsmittel, die das Internet und das Web 2.0 mit sich bringen, Werkzeuge freier Meinungsäußerung sind, oder ob eine persönliche und polemisch überhöhte Telefon-Übertragung aus einem Stadion, das künstlerische Erleben eines Fußballspiels, lizenzpflichtig sein müsste. Die einen hören Radio und denken an Rundfunk, obwohl es doch eher den Charakter eines Telefonates hat, wenn ich von unterwegs meinen Blog anrufe.

Diese Diskussion ist nicht juristisch zu klären, sondern kulturell und politisch. “Wem gehört der Fußball”, mag griffig verkürzt sein, ist aber die wesentliche Frage.

Wenn man ein Fußballspiel als eine kollektive kulturelle Handlung, eine soziale Veranstaltung begreift, zu deren Teilnahme mich eine Eintrittskarte berechtigt, wer darf mir dann verwehren, von meinem Platz aus per Telefon meine Meinung zu verbreiten. Als Privatmann, ohne kommerzielle Interessen, sondern künstlerisch polemisierend, stückhaft und von jedem journalistischen Anspruch befreit, kann ich einem kommerziellen Verwerter gar nicht schaden.

Nehmen wir mal an, der fühlt sich aber trotzdem irgendwie “geschädigt”. Was wiegt dann schwerer? Das Grundrecht auf künstlerischen Ausdruck, auf Meinungsfreiheit oder das Verwertungsrecht einzelner Lizenznehmer? Welches Recht gilt?

Betrachten wir doch mal die Basis all dieser Verwertungen, den Fußballverein. Dort zeigt sich deutlich das strukturelle Dilemma, das besonders den FC St. Pauli betrifft. St. Pauli sind seine Fans. Sie tragen sein Image, sie sorgen für volle Stadien, für Atmosphäre, sie erden das, was man dann via Merchandising und TV-Vermarktung verwertet.

Medien können das nicht. Sie können nur vorhandenes verstärken. Werden nun die Fans medial, kommt es zu einem ernsten Konflikt. Den kann man auf zwei Arten angehen.

1. Man verbietet. Beispielsweise Handies (mit oder ohne Videofunktion) und mahnt Teledienstebetreiber, wie 1000Mikes und Fans ab.
Ob das zu offener Rebellion und “kollektivem Ungehorsam” führt, wie man das beim FC St. Pauli erwarten könnte, ist unklar. Lösen wird es den Konflikt nicht. Beim Web 2.0 stehen wir ganz am Anfang, ähnlich den Rückzugsgefechten der Musikindustrie seit den späten 90ern, kann hier die Flut verlangsamt werden. Aufzuhalten ist sie nicht, zumal sie in diesem Fall einen mächtigen Verbündeten hat: das Grundgesetz.

2. Man toleriert, akzeptiert und erkennt, dass die künstlerische Nutzung von Telefonen eine Bereicherung darstellen, die im Wesen nichts mit einer medialen Verwertung des Produktes Fußball zu tun hat. Erste Maßstäbe setzen da die USA mit dem weltgrößten Sportereignis überhaupt, dem Super Bowl. Hier ist das Bloggen in klarem Rahmen erlaubt. Die gesellschaftliche Diskussion ist offen und das Ergebnis auch. Man streitet, aber man nähert sich an, diskutiert und probiert aus.

Die Refinanzierung der Vereine, ist ja kein schwaches Argument. Es ist aber eben nicht das einzige. Es steht dem Grundrecht von Millionen gegenüber, hier ist im Sinne der Menschen abzuwägen. Und diese Diskussion darf man nicht allein Juristen überlassen.

Grundrecht vs. Vermarktungsrechte, die Diskussion ist in Deutschland angekommen. Dummerweise auch bei mir persönlich.

Sven Brux, im Forum Stpauli-Sven, schreibt – vielleicht auch, weil er mein Telefonat mit einem Radio verwechselt – “Sorry, ich mach hier die Akkreditierungen, auch für Radios, und da sind mir die für 2. Liga-Fußball wichtigen Regelungen durchaus vertraut.
Oder habt Ihr Euch noch nicht gewundert, warum bspw. letztes Jahr im Aufstiegstaumel nicht jeder Sender groß ausm Stadion berichtet hat? Na eben, weil sie nicht durften. Mag man alles ungerecht oder blöd finden, ist aber nun mal so, kann ich auch nichts zu. Und insofern kann man den Machern dieses Webradios nur raten, den Kram schleunigst einzustellen, da es sonst richtig teuer werden kann.”

Ich werde meine Telefonate aus dem Stadion vorerst einstellen, auch wenn ich mich nicht angesprochen fühle, wenn von Webradio gesprochen wird, mich aber aktiv an dieser wichtigen Diskussion beteiligen. Eure Meinung, eure professionelle, persönliche und ein Überblick über die braun-weissen Ansichten dazu, sind mir sehr wichtig.

29 Replies

  • Das Interessante bei der Verbreitung der Laienreportage ist doch: 1. Live, 2. Radioartige Verbreitung. Nicht, dass in ein Telefon gesprochen wird, ist m.E. nach der Knackpunkt, sondern, dass es bei einer Anzahl X aus den Boxen am Computer raus kommt.

    Ob Du mit Deinem Handy jetzt von Radio Hamburg auf Sendung geschaltet wirst oder das per 1000mikes über Internet gesendet wird – wo ist der Unterschied?

    So steht man in Konkurrenz zu lizenpflichtigen Angeboten. Wenn es einen Weg gäbe, das technisch auf Amateur-Level zu halten, wäre das ein Ansatz.

    Das heisst nicht, dass ich das gut oder schlecht finde, aber es geht halt nicht darum jemanden das Telefonieren zu verbieten.

  • Doch LeRoi, genau darum geht es. Als Grundrechtsträger habe ich, nach lesart der DFL auf die Vermarktung Rücksicht zu nehmen. Darum gehts, und um die Frage, ob ich als Privatmann ohne kommerzielle Interessen überhaupt dieser Vermarktung gleich gesetzt werden sollte.

    imho nicht. Ich sende übrigens nicht mehr, dennoch finde ich die Diskussion sehr wichtig.

  • Ich diskutiere das auch nur zur Meinungsfindung. Und die Rolle Anwalt des Teufels mache ich auch gerne. Obwohl ich kein Jurist bin.

    Vermarktung 2.0 ist natürlich anders. Da gibt man auch schon mal was weg und verzichtet auf die Bezahlung. Weil man weiss, dass es dem Word-of-mouth zugute kommt.

  • Na klar. Hab übrigens gelernt, dass die Durchsetzung von Telefonier/Sende-Verboten übers Hausrecht geht/ginge. Wenn Du auf dem Feldstrasse-Bunker mit Fernstecher sitzt, müsste es klappen.

  • Stimmt. Aber hier wird das verlinkt. Da geht’s um Entgelt für Nutzung, die über die des Fans hinaus geht. Das träfe bei Dir ja nicht zu. Hier hingegen wird berichtet, dass es gegen UWG verstösst, weil der “der nichts zum Gelingen dieser Veranstaltung beigetragen hat, ” den Wettbewerb gefährdet. Jetzt wirst Du sagen, dass Du schon was zum Gelingen der Veranstaltung beiträgst, oder?

    Fürchte die Situation ist noch nicht geklärt.

  • @leroi, lese Deinen letzten Kommentar jetzt erst.

    Ich kann doch die Ausübung eines Grundrechtes nicht davon abhängig machen, ob ich zu einer Veranstaltung etwas beitrage. Das ist die Frage hier (imho) – und ja, die ist noch nicht geklärt ;(

  • Moin.
    Ich nähere mich ja erst mal an die Situation. Im Moment steht Wettbewerbsrecht gegen Grundrecht. Wettbewerbsrecht ist nicht zu unterschätzen, weil es nicht den Veranstalter schützt, sondern den fairen Wettbewerb. Und in dem stehst Du auch mit einem Gratisangebot.

    Deine Sendung geht eben dann vermutlich über das Grundrecht der Meinungsäußerung hinaus, wenn es technisch zum Radio wird.

  • Bist Du eigentlich Jurist? Man weiss ja nie, wen man da kränkt, wenn man dann resümiert, daß Juristen gerne das ihnen bekannte dann annehmen, wenn sie auf Unbekanntes stoßen. Wenn das ein “Radio” sein soll, dann kann man das ganze Gedöns mit Telemedien und so vergessen, dann ist auch ein Podcast Radio.

  • Nein, bin kein Jurist. Vielleicht ist das auch Käse, was ich da annehme. Aber die Juristen, die ich kenne sagen immer dass man wie Bäckermeister Müller denken soll. Du hattest zwar um Meinung gebeten – das ist in meinem Fall nicht so. Ich theoretisiere zur Meinungsbildung. Im Moment habe ich noch keine Meinung dazu.

    Das “Bekannte annehmen” kann man ja auch mit “Grundsätze für alle Eventualitäten schaffen” umschreiben. Also das man ja Gesetze schafft, die auch andere, in der Zukunft liegenden Dareichungsformen abdecken.

    Ich weiss auch nicht wie Radio definiert ist. Aber “ein Sender, viele Empfänger für eine Audioübermittlung” kommt dem doch schon nahe, oder?

  • Pingback: The Boys and Eve
  • die Frage die sich vielmehr erhebt ist, ob es weiter möglich sein soll oder wird mit der Vermarktung von Rechten am Bürger und damit am Grundgesetz vorbei, fürs relative Nichtstun nicht unerhebliche Mittel zu generieren und Freiheiten einzuschränken oder ob es eine Art ‘jedermannsrecht’ geben soll und muss um mediale Ausgewogenheit und freie Meinungsäusserung auch zu garantieren. Der Punkt ist doch dass die selbsternannten ‘Rechteinhaber’ in der Regel eher in die Rubrik Abzocker gehören. Da war mal was mit ‘alle Macht geht vom Volke aus’ also macht das Volk auch die Regeln oder gilt das in den Köpfen der Funktionäre nur wenn sie sich selber lobbyistisch monetäre Vorteile zuschaufeln können ?

    Ich denke hier muss noch einiges mehr dringend auf den Prüfstand

  • @silverstrain: im wesentlichen d’accord – auch wenn ich sozialromantisch hoffe, dass das GG noch mächtig genug ist in diesem Land. ;(

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