Was vom Tanze übrig blieb

Im Juli habe ich Ulm fluchtartig verlassen. Zusammen mit einer Frau, die ich Blume nannte. Wir fuhren mit einem Pärchen-Ticket der Deutschen Bahn soweit uns unsere Phantasie trug. Das Ticket war schreddelig und schlecht zu lesen. Ausserdem wohl mit einem Tarif ausgestattet, den viele Zugchefs nicht kannten. So trugen uns Blumes Dekolleté und meine Fähigkeit, bubenlächelnd die hanebüchensten Geschichten zu erzählen, bis nach Hannover. Immerhin.

Wir vertranken unsere letzten Eurocent in einer Bahnhofskneipe, die von gestrandeten Fußballfans bevölkert war. Stammgäste schien es ausser dem Wirt nicht zu geben und so vielen wir nicht weiter auf. Blume bestellte einen Underberg. Ich Bremer Bier.

Wir waren nun blank und guter Rat teuer. Der Wirt war so nett und spendierte uns die letzte Runde. Wir nahmen beide einen Schlehengeist, der hatte den meisten Warmmacher, prozentual gesehen. Der Sommer war ja keiner und die Nächte nun auch schon kühler. Sechs Wochen hatten wir nur gebraucht, um unser Geld und unsere Lust aneinander zu verbrauchen.

Wir legten uns in unseren Schlafsack, stellten unsere Chucks neben das Fußende und schliefen ein. Über mir summte eine sterbende Neonröhre in dem kalten Parkaus neben dem Bahnhof.

Morgens war Blume weg. Mein Schlafsack auch. Ich weiss nicht wie, aber irgendwie hatte sie mich daraus gepult und ihn mitgenommen. Zusammen mit ihr war mir nie kalt gewesen, nun fror ich von innen nach außen.

Ich weiss nicht mehr genau, was dann den September über passierte. Aber Hannover war das nicht mehr, was um mich herum war. Könnte St. Pauli sein, den Touristenbussen nach zu urteilen. Ich schlief nie Dank “Darjeeling”, so nannte ich meine Erfindung. Cola mit Tee und Weinbrand gemischt oder als Mundmische. Und noch etwas war besser als sonst. Ich konnte Musik nun schmecken. Wenn ich irgendwo Strom fand, dann spulte ich die Kassette zurück, die sich eingegilbt in meinem tragbaren Musikabspielgerät, einem Geddoblaster für Arme, befand. Dann zog ich meine Schuhe aus und tanzte die Musik nach, die ich auf meiner Zunge und meinem Gaumen schmeckte.

Oft tanzten andere mit. Autohausbesitzertöchter aus den um Hamburg herumliegenden Provinzstädtchen Wedel und Pinneberg. Ein Maurergeselle aus Buxtehude und hübsche Punkerinnen, deren Schönheit durch das Auffressende des Alkohols so schön auf der Kippe stand. Schlauer waren sie alle, denn sie gingen abends nach Hause oder stehlen.

Ich habe dann weitergetanzt, die ganze Nacht.

Heute morgen fing es an zu regnen, ein Platzregen in dem Fische schwimmen könnten, und den es so nur in Hamburg gibt. Er macht dich sofort bis auf die Haut nass. Sofort, und er vereint sich zu kleinen Bächen, die zur Elbe ziehen. Magisch, das war mir klar. Ich hörte auf zu tanzen und folgte ihnen. Unterhalb des Pinnasberg stürzten sie sich in die braunen Fluten. Ich hinterher. Es war gerade Stauwasser und wer sagt denn, dass man schwimmend nicht auch tanzen kann.

Kälte kannte ich schn lange nicht mehr. Wer wochenlang wach ist, der ist über so ein Gefühl erhaben. Es hat leicht gewummst, als die “Blankenese” mich überfuhr. Alles was ich noch konnte, war ihr Schraubenwasser rot zu färben. Was für ein Finale, und unerheblich, das es keiner sah.

Die Musik war zuende und ich hatte keinen Stuhl mehr. Und wie ich höre, habe ich mit meinen Überresten, meinen Chucks und dem Ghettoblaster-Ersatz immerhin noch einen echten Popstar geärgert. Macht das nach ihr Anchovis!

Foto: Thees Uhlmann via Facebook
Text: ecriture automatique

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *