Von Waschweibern, Schlauchbootlippen, Taka Tuka Land und was Helge Schneider damit zu tun hat

Mitte der 90er Jahre saß ich gerne abends mit ein paar Freunden herum. Wir quatschten lange, spielten Spiele oder hörten uns Platten an. Eines Abends kam ich eine halbe Stunde später, meine Kumpels hatten gerade die erste Hörspiel-Platte von Helge Schneider aufgelegt und lagen alle schon kringelnd auf dem Boden als ich mich dazusetzte. Wie sie es in ihrem Zustand geschafft hatten, mir die Tür zu öffnen, war mir ein Rätsel. Wie albern die waren, sich totlachten über so banales, wie einen Mann auf dem Nachhauseweg eine Rose kauft (Gleich kommt mein Mann, mein Mann kommt gleich), konnte ich nicht verstehen. Eine Viertelstunde später erging es mir nicht anders, und bis heute fange ich an zu lachen, wenn jemand “Capuccella” sagt. “Irgendetwas in Deiner Biochemie im Gehirn ändert sich irreversibel, wenn Du Helge Schneider eine Weile zuhörst”, hatte Matze das zusammengefasst.

Inzwischen sind über zehn Jahre vergangen, Helge Schneider macht jetzt nur noch Jazz, und die Gelegenheiten, abends Unsinn zu ratschen oder zu hören der Spaß macht, sind auch rarer geworden. Am Wochenende musste ich allerdings wieder an den Satz denken, den Matze damals so vor sich hingesagt hat. Denn wieder hat sich in meinem Bewußtsein etwas verändert, das nicht mehr zurückzudrehen ist. Noch im Nachhall der “#Weldinggate”Debatte um Rassismus, Sexismus und die Wahrnehmung von dominanter Sprache, lese ich plötzlich anders. Da frage ich mich nach der Lektüre meines Lieblings-Anwaltsbloggers, wieso ein Artikel über die Denunziationsphantasien eines Politikers mit “Waschweib” überschrieben werden muss. Am Wochenende, in Vorbereitung zum Spitzenspiel des FCSP gegen Fürth am Millerntor schaue ich im Hamburger Abendblatt auf ein Comic des im St. Pauli Umfeld bekannt gewordenen Guido Schröter und frage mich, wieso er schwarze Spieler mit Schlauchlippen zeichnet, weiße aber nicht?

Ist ihm das egal bewusst, dass er rassistische Stereotypen reproduziert? Merkt das da beim Abendblatt einer? Ist das etwas besonderes, wenn ich das als Haus-und-Hof-Comiczeichner des FC St. Pauli so mache? – alles rhetorische Fragen, sorry. Dann geht es aber erst richtig los. Die Wahrnehmung läuft Amok, genauso, wie die Aufreger aus den Kreisen der Dominanten, die sich langsam aber sicher genervt fühlen vom andauernden Hinzeigen:

– Antisemiten beim RBB (ein schwer einzuschätzender Vorgang, bei dem es den Anschein hat, dass man Broder, wenn auch latent widerwillig, Recht geben muss, auch seine Wahl der Mittel)
– Rassismus in Taka Tuka Land – BILD.de empört sich über die Empörer “Sie hat Generationen geprägt: Die starke, tapfere Pippi Langstrumpf. Was für Millionen Deutsche eine wunderbare Kindheitserinnerung ist, nennt Dr. Eske Wollrad (49) „rassistisch“…”

Überall Widerstand (auf bild.de verlinke ich nicht), im besten Falle Polemik. Warum nur, kann man Astrid Lindgren nicht lieben und verehren und doch ihre Texte in einem richtigen, wichtigen historischen Kontext als streckenweise rassistisch bezeichnen und diskutieren? Das geht doch in Belgien auch. Kann Guido Schröter das nicht sein lassen, schwarze Fußballer wie den schwarzen Piraten bei Asterix und Obelix zu zeichnen? , wenn er weiß, dass das schwarze St. Pauliner_innen verletzt. Das will mir nicht in den Kopf.

Ich bin in fast allen meinen Lebensumständen Angehöriger der dominanten Gesellschaftsgruppe und bestimmt reproduziere ich alle naselang dominante Strukturen. Auch bin ich deswegen in der kommoden Lage mich zurückzuziehen unter die wohlige Decke der Ignoranz. Ich kann die Platte wieder in den Schrank stellen. Viele meiner Freunde können das nicht, und so langsam beginne ich zu verstehen, wie zermürbend das ist, sich zu wehren. Und ich bewundere das immer mehr.

(Hinweis: in diesem Blog dulde ich keine unwidersprochene Reproduktion von Rassismen oder anderen dominanten Ismen oder Lächerlichmachung von Kritiker_innen. Wenn ihr pöbeln wollt, dann bitte bei euch zuhause, dann auch gerne mit Trackback)

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