St. Paulis Wort des Jahres: “Logenbewohner”, Sportler des Jahres: Unsere Boys in Brown!

Millerntor

Der Millerntor-Geschäftsklimaindex sieht rosig aus, ein weiteres Quartal steigt er unaufhörlich. Die Geschäftsführung setzt dabei auf den steigenden Binnenkonsum. Der Kulturetat schmilzt dagegen weiter ab. Ganze Tribünen müssen um ihren Status als heilige Kurven im Konzertensemble des Millerntor Roarr fürchten, darunter vornehmlich die Haupttribüne, die häppchenweise zu einer Stellinger Aussenstelle mutiert.

So spiegelt sich das Leben der Stadt in unserem Mikrokosmos, wobei die Spruchbänder von Blau (sic!) nur anekdotisches Symptom sind. Anfeuern per SMS ist sogar mir als Twitterer zu viel Umweg.

Meine Sportler des Jahres sind keine Nationalspieler, sondern meine Jungs, die so sehr ausgeraunten, ja manchensitzes ausgepfiffenen Boys in Brown. Der katholische Matze und der Bulle Boll, rein körperlich beschrieben, auf der Sechs, die unser Spiel so lange zuammenhielten in diesem Jahr100-Jahr, meine Lieblinge Bastian Oczipka und Max Kruse, die ihre fußballerische Pubertät im Abstiegskampf verbringen dürfen, der verwundete Zambrano, der bayrische Stockspieler Thorandt, Gyros-Ralle Gunesch, der, nur vom Rasen geschlagen, Inbegriff dieses Wahnsinns ist, der Carsten Rothenbach druckvoll an die Waden von Ribéry und Schweinsteiger führte und uns in die erste Liga. Nein, das vergessen wir euch nicht, auch wenn es immer mehr Menschen zu uns zieht, die “nur Fußball sehen wollen” und das mit merkwürdigen Leistungsansprüchen gleichsetzen, die eher an Rudi Carell und Arbeitgeberpräsidenten erinnern, als an den FC St. Pauli.

Thomas Kessler, bleib bitte hier, so wie Matze Hain und Schulle es tun werden. Fin Bartels und Deniz Naki kommen noch gewaltig in der Rückrunde, und auch wenn nur als Ergänzung vielleicht vorgesehen, habt ihr doch diese Magie verinnerlicht, vielleicht auch weil mit euren Namen das Bezwingen des Bösen, innen wie außen, verbunden ist, das sich ja immer an den schönsten Ecken der Welt breitzumachen beliebt. Die angewinkelte Eleganz von Florian Bruns beginne ich ja auch zu lieben, langsam schwimmt er sich da frei, immer wenn er ergänzt, was im Spiel vorher vergessen wurde.

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Und wer die Liebe nicht sieht, die unsichtbar Charles Takyi und Gerald Asamoah umwebt, der ist wahrlich blind für das Schöne am Fußball. Wer in ihnen mehr als DAX-Investitionen zu sehen in der Lage ist, der wird sich 2011 sehr erfreuen können.

Wir sind doch alle umwogen von der Idee der Gleichteilung, im verlieren wie im aufsteigen. Likedeeler sind wir, deswegen kommt der Fussball zu uns ans Millerntor. Es wird höchste Zeit den Kampf anzunehmen, den die Jungs auf dem Rasen längst vergegenwärtigt haben, gegen den Abstieg in eine Fußballarena ohne Magie und Selbstbestimmung*.

Die ersten Maßnahmen: verkauft übrig gebliebene Business Seats zu ermäßigten Stehplatzpreisen an Hartz4-empfangende Mitglieder aus St. Pauli oder anderswo. Sie können das den Neu-Millerntoristas auf der Haupt beibringen, die brüderliche Demut und das laute Staunen, das mich immer wieder lieben lässt, wenn wie am Sonnabend sich das Flutlicht in den Schneeflocken spiegelt und alles um mich herum verzaubert und wütend gegen die Niederlage singt.

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Ab 1398 ist auch die Bezeichnung Likedeeler (niederdeutsch für „Gleichteiler“, was sich auf die Aufteilung der erbeuteten Prisen bezieht) überliefert, hier wird der Fokus auf die soziale Organisation der Bruderschaft gerichtet, die sich erheblich von der streng hierarchisch strukturierten mittelalterlichen Gesellschaft mit ihrem ständischen Lehnswesen unterschied, und neben der Autorität der Hauptleute auch Mannschaftsräte ins Leben rief. Somit war dem gemeinen Seemann ein gewisses Maß an Mitspracherecht gewährleistet, das der feudalen Gesellschaft fehlte.[2] Zudem impliziert der Name Likedeeler Loyalität und gegenseitige Unterstützung, was sich positiv auf den inneren Zusammenhalt des Seeräuberbundes ausgewirkt haben dürfte. In einem ähnlichen Sinne dürfte die selbstgewählte Losung, „Gottes Freunde und aller Welt Feinde“ zu sein, zu verstehen sein.

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