Schwimmbeutel

Ich war immer ein Turnbeutelvergesser. Das war so schlimm, dass meine Mutter mir später nie wieder einen kaufte. Ich nahm meine Turnsachen unter den Arm oder stopfte sie in meinen Scout-Rantzen.

Und da blieben sie dann oft die ganze Woche, bis wieder Donnerstag war. Frühstunde. Die wir uns oft so vertrieben, dass wir Bälle auf das Turnhallendach schossen, die dann der Schulsprecher wieder runterholen musste. Der Lehrer war wegen der vielen Hilfestellungen gegenüber den Mädchen suspendiert, sein Ersatz oft so geschwächt vom Marihuana-Rauch im Geräteraum, dass er erst gar nicht kam oder im Lehrerzimmer blieb. Diesem Raum, der einem Bankschalter ähnelt. In dem man den Eindruck hatte man sähe aus einem Spionagezimmer in eine Welt von merkwürdigen Wesen. Die Rückseite der grossen Uhr war das Zeichen für eine erwachsene Perspektive. Sehr wohl habe ich mich in diesem Trainerzimmer nie gefühlt.

Die Augen jucken, in die Nase steigt ein Geruch von Sockenmuff und Staub. Zurück gehe ich durch die leere Umkleidekabine der Mädchen. Sie sieht genauso aus, wie unsere. Nur sauberer. Ich muss an Anton denken dem seit kurzem sowas wir Brüste wachsen. Es ist falsch ihn aufzuziehen, spannend anzusehen ist er aber auch.

Ich habe mir einen Ruf erworben. Aus Versehen und aus einem wütenden Reflex. Ich habe den größten Schläger der Schule KO geschlagen. Aus Versehen, wie gesagt. Beim Turnen hat er mich getriezt, von hinten immer wieder in den Rücken geboxt. Zuerst habe ich versucht es zu ertragen, zu ignorieren, doch er hörte nicht auf, wollte eine Reaktion, wollte dass ich mich umdrehe. Das tat ich dann auch. Ich traf ihn so glücklich unterhalb des Kinns, dass er ohnmächtig zu Boden ging. So viele Münder habe ich noch nie offen gesehen. Meiner und seiner ebenfalls.

Danach war alles viel einfacher. Die angekündigte blutige Revanche blieb aus, der Ruf blieb. Anton nun verliess sich darauf, dass ich ihn zur Not beschützte. Er war mein Freund.

Und doch, wenn er nicht dabei war, musste ich grinsen, kam die Sprache auf seinen hormonellen Exkurs.

Gestern musste ich wieder daran denken. An Anton, die muffige Turnhalle und den dampfenden Hallenboden aus Plastik, der die knarrenden Holzdielen abgelöst hatte. Und an die Vorstellungen und Methoden, mit denen wir uns zu Männern verschwøren wollten.

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