John Zwo

s01e01

Foto: Hauseingang

Die Amnesie kam immer plötzlich, tat aber gar nicht weh, was mich ein wenig verwunderte.

Eigentlich fühlte ich mich wie immer, nur dass ich partout nicht mehr wusste, was ich vor dieser grünen Tür wollte. Dass mir augenblicklich auch entfallen war, wer ich bin, fiel mir erst auf, als mein Haustürschlüssel nicht in diese Tür passte.

Die Panik, die mich dabei erfasste, kann ich kaum beschreiben, man glaubt sich ja selbst nicht, lacht los und schüttelt den Kopf. So, als ob dadurch alle Erinnerungen wieder an den richtigen Ort rücken würde.

Es war zwecklos, ich konnte mich anstrengen, wie ich wollte, die Erinnerung an mich selbst kam nicht zurück. Schlimm war, dass mir immer mehr perdu zu gehen schien, je angestrengter ich nachdachte. Inzwischen fielen mir auch die Namen meiner Eltern nicht ein, mein Geburtsort und alles andere, was mich als Person betraf, war verschwunden. Ich beschloss, nicht weiterzuforschen und hörte einfach auf nachzudenken. Das schien mir das beste.

Stattdessen lief ich los.

“Deelböge-Braamkamp zwischen Alsterkrugchausse und Bebelallee ist wegen Brückenarbeiten bis Ende 2013 in beiden Richtungen nur eine Spur frei”

Diese Meldung schoss mir in den Kopf, warum weiss ich nicht. Aber sie war da und wieder musste ich lachen: “In beiden Richtungen nur eine Spur frei”, wirkte in meiner Situation irgendwie passend. Und komisch.

Ich fasste den Entschluss, die Bebelallee aufzusuchen. Wie man in Hamburg mit der U-Bahn fährt wusste ich noch und ein besseres Ziel fiel mir ja nicht ein. Fein, dachte ich, darauf liesse sich aufbauen. Die Angst wurde langsam weniger, fast hätte ich gepfiffen, denn nun hatte ich ein Ziel.

Als ich den Braamkamp überquerte, kam es mir vor, als ob ich eine Grenze überschritt. Überhaupt erschienen mir Straßen wie Stromkanten, bedrohlich wirkten vor allem die vierspurigen. Langsam war es duster geworden, außerdem wurde ich müde. Die Angst kam wieder hoch. “Zur Polizei?”, schoss es mir in den Sinn; warum hatte ich daran nicht früher gedacht? Aber was sollte die mir helfen, wenn ich selbst so wenig beizusteuern hatte. Es kam mir selbst komisch vor, aber was war, wenn ich ein Geheimagent war, oder auf der Flucht? Vielleicht war ich verrückt geworden und hatte schlimme Dinge angestellt.

Gegenüber der modernen Altersheime, die an der Bebelallee in den letzten Jahren entstanden waren, teure letzte Wohnstätten am nördlichen Lauf der Alster, fiel mir ein kleiner Kleingartenverein auf.

Jetzt, Ende Februar wird dort keiner zugange sein, dachte ich. Vielleicht findet sich ja eine leer stehende Laube, in der ich ein wenig über meine Situation nachdenken konnte. Ich stieg also über die niedrige Pforte in einen Garten ein, der ein Haus hatte, das mir mit seinem spitzen grünen Dach einigermaßen gemütlich erschien, aber bei dem ich hoffentlich keine allzu aufwendigen Sicherheitsvorkehrungen zu überwinden hatte. Mit ein wenig Gewalt war das Schloss schnell geknackt. Ich trat ein.

Innen roch es nach Staub und Torf. In der Ecke stand ein Sofa, das neu bestimmt ansehnlich und teuer gewesen war. Es war aus braunem Leder und hatte massive Holzarmlehnen. Zum Glück lag eine Wolldecke darauf. Als ich mich hinlegte und meine Beine ausstreckte merkte ich erst, wie müde ich war. Vielleicht, dachte ich, genügt eine Mütze voll Schlaf. … Den Gedanken hab ich wohl nicht mehr zuende gedacht, denn ein leises Schnarchen wog durch die einsame Laube.