Deja Vu

S01E07: Folge sieben des Blogerature-Experimentes mit Metalust

Das Hellgrau des Himmels über Berlin schien sich nahtlos bis zum Boden zu erstrecken. Fast weiße Schwaden zogen über die Spree, als sie über die kleine Brücke am Wikingerufer spazierte.

Es war schon Dunkel und doch konnte man gut sehen, wie hier im Westen der Zahn der Zeit seit der Wiedervereinigung ungehindert an den Fassaden der Häuser nagte. Der Westteil Berlins sah inzwischen an einigen Stellen schlimmer aus, als der Osten der ehemaligen Hauptstadt der DDR gleich nach der Wende. Schon komisch, fand sie.

Die Brücke war noch in Schuss. Allein der Rettungsring, in der Mitte aufgehängt, hatte schon bessere Tage gesehen.

Dies war ihre Brücke, hier hatten sie sich zum ersten Mal geküsst, nachdem er sehr gekonnt einmal zu oft ihren Po gestreift hatte und sie ihn mit einem Lachen ermutigte. Es hatte ihr an ihm gleich gefallen, dass er sein Begehren, das sie bei vielen anderen Männern so offensichtlich und aggressiv spürte, so elegant verbarg. Anders als die fast körperlichen Übergriffe, als die sie das lüsterne Stieren der meisten Kerle empfand, ließen seine Blicke und Berührungen, seine Komplimente und intelligenten Zoten immer eine Tür offen, hinter der sie sich würdevoll zurückziehen konnte. Oder hindurchgehen.

Sie hatte sich für das Hindurchgehen entschieden und ihn mitten auf der Brücke umarmt, zur Seite gedreht und leidenschaftlich geküsst. Sie war nicht überrascht, dass er genauso schmeckte, wie sie sich das vorgestellt hatte. Sein Vollbart, vor dem sie ein wenig Bammel hatte, er war ihr erster mit Bart, war angenehm weich und roch dazu noch gut.

Erst am Nachmittag, als die Sonne unterging, und sie nach ihrer ersten wilden Liebesstunde, sich der wohligen Leere ergaben, die frische Liebe hinterlässt, hatte er ihr erzählt, dass diese Brücke von seinem Vater erbaut wurde. Sie hatte es nicht sofort geschnallt, und nun war es zu spät. Zwei vom gleichen Schlag dürften nicht zusammen sein.

Sie dachte an dieses Männergesicht mit den blauen Augen und dem Vollbart, das so liebevoll blicken konnte. Bevor die Strafe begann, als es losging mit dem Vergessen. Das war erst einen ewigen Spätsommer her.

Sie fing an zu Weinen, wie sie da auf der Brücke stand. Schwanger, Mörderin und Mutter eines “Erinnerers”.

Juri. Sie dachte an Juri in Hamburg und beruhigte sich schlagartig. Juri war ein Baum von einem Mann und so offensichtlich ihren Reizen erlegen, dass sie ein schlechtes Gewissen spürte. Bisher hatte sie noch nicht herausfinden können, was ihn noch antrieb, ihr so willfährig zu folgen. Aber bisher war er ihr Stütze und Werkzeug zugleich. Er würde das Notizbuch finden, sagte sie sich und wischte sich die Tränen ab. Wikingerufer, gegenüber dem Tennisclub hatte der alte Stasimann gesagt. Nur noch ein kleines Stück, dann hielte sie ein zweites Buch in ihren Händen, und Antworten, was denn da in ihr heranwuchs. Stoff für einen Horrorfilm, dachte sie, als sie bei ’Peter Erster’ klingelte.

***

Er atmete tief ein, und seine Lunge drückte auf die gebrochenen Rippen. Der Schmerz ebbte nicht ab, sondern behielt das Stechen bei. Langsam, sehr langsam erholte er sich. Sein Gehirn fing wieder an zu arbeiten, aufgeweckt vom Brennen in seinem Brustkorb.

Er hatte geschrien, da war er sich sicher. Aber hatte das auch jemand gehört? Er sah sich um und sah den Rücken eines riesenhaften Mannes. Seines Peinigers.

Er hustete und der Schmerz erklomm eine weitere Stufe, wie eine nicht ebben wollende Flut von heissen Wellen. Fast verlor er wieder das Bewusstsein. 

Der Schweinehund war vorbereitet gewesen, als er sich umdrehte und mit Schwung zuschlagen wollte, erwischte er nur einen Schlagstock-bewehrten Unterarm. Dann Dunkelheit. Und nu war er hier.

Es roch vertraut nach altem Staub und altem Gras. Er war wieder in einer Laube.

“Na mein Juunge, wieder wach”, lachte ihn der Hüne an. 

’Gut, dann wollen wir mal weitermachen’, sagte Juri leise und sah in die Augen des ängstlich zitternden Mannes vor ihm auf dem Boden. Der schien sich gerade zu erinnern, dass sie über ein Notizbuch gesprochen hatten, vor der Ohnmacht.

Piet wusste, dass er zäher war, als er aussah, und hatte das schon öfter zu seinem Vorteil ausgenutzt. Zuletzt bei den Bullen in Osdorf. Wenn man das richtige Gleichgewicht zwischen Wehrlosigkeit und Ekeligkeit fand, ließen sie einen schnell in Ruhe. Pissen auf Kommando war für Piet ein Kinderspiel, und auch das Umklappen nach einem Schlag in die Magengrube hatte er ganz gut drauf. Stolz, den hatte er lange schn verloren. Woanders, in der billigen Routine der Versicherung mit ihren dummen Kleinhalte-Ritualen.

Das Notizbuch steckte immer noch in der Potasche seiner Jeans, und nicht mehr in seiner Laube mitten zwischen seinen alten Manifesten und Flugblättern, die wie ein Stapel Altpapier für seinen Angreifer ausgesehen haben mussten. Der Kerl da vor ihm war sicher der Mörder von John Zwo, oder mindestens der Grund für seinen Selbstmord gewesen. Das war ja nunmal klar. Und Piet war nun auch klar, was er sagen müsste.

’Ich gebe ihnen alles, was sie wollen’, wimmerte Piet gekonnt. Der Schmerz half hierbei zumindest. Es war ja klar, dass der Große da nicht nachlassen würde, bis er das Buch bekam. Also konnte man sich die Schmerzen ersparen und den Weinerlichen raushängen lassen. Nur nicht lachen bei der Schmierenkomödie, das hatte er sich auf dem Arbeitsamt immer gedacht, das nun Agentur hieß. Auch da hatten sie sich an ihm die Zähne ausgebissen, weil er immer das richtige sagte, und das andere tat. Ehrlose können mächtig sein.

’Ok, ok, ich geb ihnen das Buch, aber bitte nicht mehr schlagen’. Juri hob den Mann hoch. Mühelos. Dann schleifte er ihn zum Torfklo und deutete an, dass er ihn mit dem Kopf voran in den Dung stecken würde, sollte er was versuchen. Piet wimmerte Verständnis.

’Es ist drüben. Um den Schuppen herum, und dann durch die Hintertür, dann sieht uns keiner.’

Juri griff Piet am Schlawittchen und schob ihn aus der Laubentür. Er sah nicht viel, das Licht der einzigen Strassenlaterne auf dem Sandweg vor dem Häuschen war viel zu schwach. Aber er hatte sich die Lage der Lauben eingeprägt und wusste, wohin er sich wenden musste. Der Mann in seinem groben Griff wimmerte immer noch leise. Juri wurde fast heiter zumute. Gleich würde er das Buch in Händen halten, das sich Jane so sehr wünschte. In ihm waren alle Lebenserinnerungen von John, ihrem Exgeliebten gespeichert, hatte sie ihm am Telefon erzählt, als er sie in Berlin anrief, und Hinweise auf die anderen “Erinnerer”. Und er würde wieder töten dürfen, für sie, die hm nun endlich etwas anvertraute. Dieses Würmchen von Mann, das er schon jetzt tief verachtete war zwar nur ein Häppchen, aber gut genug, die Bande zwischen ihm und Jane zu besiegeln. Sein Opfer strauchelte und riss ihn aus seinem Schwärmen. Wie konnte man sich nur so gehen lassen.

Juri zog Piet hoch und trat ihm mächtig in den Arsch. Schob den sich krümmenden Körper vorwärts, als er im Augenwinkel etwas sah. Zu spät, er stieß mit der vollen Wucht seines eigenen Stoßes und der Stirn zuerst gegen die Spitzen eines Rechens, der an dem Tor-Bogen hing, durch den sie gerade gingen. Also er, Juri, ging, der andere krabbelte eher. Der Rechen traf sein linkes Auge, und es fühlte sich komisch äußerlich an, als sein Augapfel nachgab.

Instinktiv ließ er Piet los, der sich blitzschnell über den Zaun rechts des Geräteschuppens fallen ließ und wie der Blitz davonlief.

Piet erwartete, dass nun Schüsse fielen oder so. Aber nichts passierte. Das Buch steckte noch in seiner Jeans und der Riese würde vergeblich in der Laube nach ihm und dem Buch suchen. Sicher? Hoffentlich war es so. Eine Scheissangst hatte er immer noch. Er rannte in Richtung Winterhude, über den Ring2 in Richtung bewohnterer Stadtteile.

Als er endlich in der S1 in Richtung Blankenese saß, traute er sich auch das Buch herauszuholen.

“Erinnerungen eines Brückenmenschen”, stand dort auf der ersten Seite. “Wir, die wir uns erinnern müssen …”, las er weiter. Die Bahn war nahezu leer, und wackelte beruhigend in Richtung Westen.

One Reply

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *