Bahnfahrt nach Berlin #prosaexperiment

s01e05: Episode fünf eines Blogliterati-Experimentes

Jane mochte Bahnfahrten. Sich in die Hände dieses beeindruckenden Systems zu geben, ohne Verantwortung dennoch fortzukommen, das hatte sie immer fasziniert und auf eine kindliche Art beruhigt.

Ihr ganzes Leben war sie schon für sich selbst verantwortlich und allzu oft auch für andere. Hier, im ICE von Hamburg-Dammtor nach Berlin fühlte sie sich befreit von der Verantwortung, konnte sich zurücklehnen und das Ankommen anderen überlassen. Heute hatte sie auch noch besonderes Glück, das Abteil war zwar reserviert, aber leer geblieben.

Die Vororte Hamburgs lagen gerade hinter ihnen, schnell und stetig sauste die Mecklenburger Landschaft an ihr vorbei. Sie hatte sich den Ipod in die Ohren gehängt und das Shuffle-Programm hatte ihr Johhny Cash ausgewählt. A Boy Named Sue. Ein toller Song und eine wahnwitzige Story, dachte sie, als sie über die beige-braunen Felder und die nackten Bäume in den Himmel schaute.

Ihre Gedanken begannen zu fliegen. Zurück an den Tag, an dem sie das Familien-Notizbuch das erste Mal in Händen gehalten hatte. Bei der Beerdigung ihrer Großmutter war es gewesen. Eine Art Inititions-Ritus ihrer weit verzweigten Familie – und Bewahrer eines gruseligen Geheimnisses. Deswegen war sie nun auch auf dem Weg nach Berlin. Wegen dieses Geheimnisses, von dem jeder Zweig der Familie einen Teil verwahrte und dessen Ausmaß sie nun erst erahnte, da sie zwei von Ihnen gefunden hatte. John Zwo hatte keines dabei gehabt, zumindest hatte sie in ihrer Eile keines finden können.

Juri würde sicher genauer nachschauen, darum hatte sie ihn gebeten, als sie ihn wegen der Beseitigung der Leiche anrief. Später müsste sie sich ihm weiter offenbaren, was ihr die gerade wohlig einsetzende Entsoannung abrupt wieder entriss. Sie setzte sich gerade hin und schloss die Augen.

Die Brücke an der Bebelallee hatte ihr Großvater gebaut. Genauso, wie ein Dutzend andere in Europa. Zu einer Zeit, als die Moderne noch Versprechen war, die Hochbahnen und U-Bahnen Städte explodieren ließen, war die ganze Vorbereitung plötzlich zur Entfaltung gekommen. In Berlin war er auch gewesen. Hatte dort an den Arbeiten am Gleisdreieck mitgewirkt. Opa als Architekt, sein Bruder, Johns Vater, als Vermesser.

Sie alle hatten diese Gabe gehabt, und die Aufgabe ihr übertragen aufzuräumen, nun da die Amnäsie den besonderen Wahnsinn auslöste, der alle 400 Jahre ihrer Sippe zustieß.

Nur diesmal, so hoffte sie, ginge es vielleicht ohne unschuldige Opfer. Dafür müsste sie das ganze Geheimnis ergründen. In Berlin.

“Die Fahrscheine bitte”, sagte eine Stimme durch die letzten Zeilen von “Highwayman” hindurch. Auch eine unaussterbliche Floskel.

Teil fünf des Prosaexperimentes mit @metalust
Index:
001: John Zwo
002: Der Brief
003: Der Abschied
004: Der Leichentransport